Wenn Männer ihre Ohnmacht ertränken
Letzte Woche wurde ich in meinem direkten Umfeld wieder mit einem Thema konfrontiert, das mich schon einige Jahre begleitet: häusliche Gewalt.
Bevor ich weiter schreibe, möchte ich etwas klarstellen. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, jede Form von Gewalt sei grundsätzlich vermeidbar. Das Leben hat mir andere Seiten der Realität gezeigt. Während meiner Jahre in Afrika, in Krisen- und Konfliktgebieten, habe ich Situationen erlebt, in denen Menschen sich selbst, ihre Familien oder andere schützen mussten. Ich habe Menschen kennengelernt, die auf Worte nicht mehr reagierten und deren Gewalt nur durch Gegenwehr gestoppt werden konnte. Selbstverteidigung halte ich deshalb für legitim.
Trotzdem bleibt für mich eine andere Erkenntnis bestehen: Gewalt erzeugt meistens weitere Gewalt. Und häusliche Gewalt löst kein Problem – sie schafft neue.
Ein Vorfall, der nicht überraschend kam
Ein Mann in meinem Umfeld hatte sich an einem Nachmittag wieder einmal stark betrunken. Am Abend eskalierte die Situation, und er ging auf seine Partnerin los. Die Polizei wurde eingeschaltet – zum zweiten Mal. Nun steht er vor den Konsequenzen seines Handelns und verliert sein Zuhause.
Traurig ist das vor allem, weil solche Geschichten selten plötzlich entstehen. Sie entwickeln sich oft über Jahre.
Die Flucht vor der Ohnmacht
Was ich in solchen Situationen immer wieder beobachte, ist nicht Stärke, sondern Ohnmacht. Es ist ein Mann, der nicht mehr weiss, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll. Ein Mann, der seinen Frust, seine Angst, seine Enttäuschung oder seine Hoffnungslosigkeit betäubt. Ein Mann, der versucht, etwas zu ertränken, das sich nicht ertränken lässt.
Alkohol kann vieles überdecken – für einen Abend, für eine Nacht, vielleicht sogar für einige Jahre. Aber er löst nichts.
Ich kenne die andere Seite
Ich schreibe das nicht als Aussenstehender. Ich habe früher selbst viel getrunken – mehr, als mir gut getan hat. Ich habe mich nie als Alkoholiker bezeichnet, aber ich war definitiv ein Gewohnheitstrinker. Eine Flasche Wein war oft nur der Anfang.
Heute trinke ich keinen Tropfen Alkohol mehr. Nicht aus besonderer Disziplin, sondern weil mein Körper irgendwann die Notbremse gezogen hat. Er begann auf Alkohol mit Atemnot, Sinusitis, verstärkter Bronchitis und anderen Symptomen zu reagieren. Irgendwann wurde klar: Der Preis war zu hoch geworden.
Männer reden selten über Hoffnungslosigkeit
Viele Männer sprechen über Arbeit, Geld, Politik, Autos oder Fussball. Aber nur selten über Hoffnungslosigkeit. Nur selten über das Gefühl, nicht zu genügen. Nur selten über die Angst, gescheitert zu sein.
Und genau dort beginnt oft das eigentliche Problem – nicht beim Alkohol und nicht bei der Gewalt, sondern viel früher. Dort, wo ein Mann den Kontakt zu sich selbst verliert.
Es gibt andere Wege
Ich habe keine einfachen Antworten und kein Patentrezept. Aber ich glaube, dass viele Männer etwas anderes brauchen als noch mehr Ablenkung. Sie brauchen Orte, an denen sie ehrlich sein dürfen: Gespräche ohne Maske, Stille, Natur, Gemeinschaft und die Möglichkeit, auszusprechen, was schon lange in ihnen arbeitet.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum „Der müde Krieger“ entstanden ist. Nicht als Therapie und nicht als Selbsthilfeprogramm, sondern als Ort für Männer, die spüren, dass etwas in ihrem Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist – und die bereit sind, genauer hinzuschauen, bevor die Ohnmacht das Steuer übernimmt.