Warum Männer Angst vor Stille haben
Gestern bin ich wieder zu meinem Lieblingsplatz an der Küste gefahren. Ein abgelegener Abschnitt nördlich von El Cotillo auf Fuerteventura. Ich komme oft hierher, wenn ich Abstand vom Alltag brauche.
Als ich aus dem Auto steigen wollte, griff ich wie selbstverständlich nach meinem Handy. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass ich es zu Hause vergessen hatte.
Was dann passierte, überraschte mich.
Obwohl ich bewusst an einen Ort gefahren war, um Ruhe zu finden, wurde ich unruhig. Mein erster Impuls war, nach dem Handy zu suchen. Nachrichten lesen. E-Mails prüfen. Irgendetwas tun. Mir wurde bewusst, wie selbstverständlich diese kleine Ablenkung inzwischen geworden ist.
Ich setzte mich trotzdem hin und beschloss, das Handy einfach zu vergessen.
Wie so oft richtete ich meinen Blick auf das Meer. Ich beobachtete die Wellen, die Surfer draußen auf dem Wasser und hörte dem Wind zu. Mehr passierte nicht.
Nach einigen Minuten veränderte sich etwas. Die innere Unruhe wurde schwächer. Meine Gedanken wurden langsamer. Der ständige innere Dialog verlor an Lautstärke. Ich musste nichts erledigen, niemandem antworten und nirgendwo sein. Ich saß einfach da und schaute aufs Meer.
Wann haben wir verlernt, still zu sein?
Auf der Heimfahrt habe ich über diese Reaktion nachgedacht. Warum macht uns ein vergessenes Handy überhaupt unruhig?
Ich glaube nicht, dass es am Handy selbst liegt. Es ist vielmehr die Gewohnheit, jeden freien Moment mit irgendetwas zu füllen. Wir warten an der Supermarktkasse und schauen aufs Display. Wir sitzen im Wartezimmer und lesen Nachrichten. Selbst fünf Minuten ohne Beschäftigung scheinen für viele Menschen kaum noch auszuhalten zu sein.
Vielleicht fällt uns Stille deshalb so schwer, weil wir sie kaum noch kennen.
Was in der Stille auftaucht
Sobald es ruhig wird, begegnen wir unseren eigenen Gedanken. Manchmal sind das schöne Gedanken. Manchmal aber auch Fragen, denen wir im Alltag lieber ausweichen.
Bin ich eigentlich zufrieden?
Warum bin ich ständig müde?
Wann habe ich zuletzt wirklich abgeschaltet?
Ich glaube, viele Männer kennen diese Fragen. Deshalb halten sie sich beschäftigt. Nicht bewusst. Es passiert einfach. Arbeit, Termine, Fernsehen, soziale Medien oder das Handy sorgen dafür, dass es nie wirklich still wird.
Ich kenne das von mir selbst.
Das Meer löst keine Probleme
Dieser Nachmittag hat keines meiner Probleme gelöst. Das Meer hat mir keine Antworten gegeben, und der Wind hat keine Entscheidungen für mich getroffen.
Aber ich bin ruhiger nach Hause gefahren, als ich gekommen war.
Manchmal reicht das völlig.
Vielleicht erwarten wir heute zu oft, dass alles sofort eine Lösung bringen muss. Dabei ist Stille kein Werkzeug, um Probleme zu beseitigen. Sie schafft lediglich den Raum, in dem wir klarer sehen können.
Genau deshalb komme ich immer wieder an diesen Küstenabschnitt zurück.
Nicht weil dort etwas Besonderes passiert.
Sondern weil dort einmal nichts passiert.
Und genau das ist in unserer heutigen Welt selten geworden.
Ein kleiner Versuch
Ich möchte dir heute keinen Ratschlag geben.
Nur einen kleinen Versuch.
Lass dein Handy einmal bewusst zu Hause oder schalte es für zwanzig Minuten aus. Setz dich auf eine Parkbank, geh in den Wald oder ans Wasser. Beobachte einfach, was passiert.
Vielleicht wird dir langweilig.
Vielleicht wirst du unruhig.
Oder vielleicht entdeckst du etwas, das im Lärm des Alltags schon lange keinen Platz mehr hatte.
Mich würde interessieren, wie es dir dabei geht.